26.06.2025 - Unwetter mit schweren Schäden bei Stendal


Am heutigen Donnerstag steht eine schwere Gewitterlage in der nördlichen Landesmitte an. Im Vorfeld eines durchziehenden Tiefs strömt kurzzeitig eine sehr heiße Luftmasse ein, die Temperaturen steigen in der östlichen Landesmitte auf bis zu 35°C an. Am späten Vormittag zieht eine Kaltfront aus Westdeutschland auf, an der sich über NRW und Rheinland-Pfalz bereits früh erste Gewitter entwickeln. Die Kurzfristmodelle sehen den Schwerpunkt der Unwetter jedoch am späten Nachmittag und frühen Abend über Sachsen-Anhalt und Berlin/Brandenburg, wenn die Kaltfront auf die erhitzte Luft trifft. Wir machen uns von Hamburg aus auf den Weg über die A24 in Richtung Osten, um die Zellen planmäßig am späten Nachmittag im nördlichen Sachsen-Anhalt oder im nordwestlichen Brandenburg abzufangen. 



Während es in Hamburg noch bis kurz vor unserer Abfahrt bei 18°C geregnet hat, kommen wir nach weniger als einer Stunde Fahrtzeit im südwestlichen Mecklenburg-Vorpommern schon in die erwärmte Luftmasse, hier sind es auf einmal 27°C. Beeindruckende Temperaturdifferenzen auf kleinem Raum! 




Südlich von Schwerin müssen wir uns entscheiden, ob wir die A24 weiter nach Brandenburg oder über die A14 ins nördliche Sachsen-Anhalt fahren möchten. Wir vertrauen den Kurzfristmodellen, insbesondere dem neuen ID-RUC (rapid update cycle - welches bei den bisherigen Gewitterlagen des Jahres sehr gut performte - und entscheiden uns für Sachsen-Anhalt, da dort der Höhepunkt der Gewitterfront auf Höhe Stendal berechnet wird. 



Etwa auf Höhe Wittenberge, kurz bevor wir gegen 16 Uhr den Landkreis Stendal von Norden her erreichen, merken wir die hohe Labilität der Luftmasse erstmals. Es hat hier am späten Vormittag leicht geregnet, sodass der Boden angefeuchtet ist, und nun sind es hier 31°C. Die Wolken lassen die Hohe Windscherung erahnen. 



Die Gewitterzelle, die wir anvisieren, intensiviert sich laut Radar auf Höhe Wolfsburg ab ca. 16 Uhr massiv. Mehrfach weist das Kachelmann-Stormtracking auf Rotation hin. Um 16:20 Uhr schiebt sich erstmals der Eisschirm der Zelle vor die Sonne. 



Durch mehrere Baustellen und entsprechende Geschwindigkeitsbegrenzungen wird es nun trotz eines zunächst guten Zeitvorsprungs etwas knapp, die Zelle noch so zu erreichen, dass wir genügend Zeit für die Dokumentation des Aufzugs haben. Wir haben schon vor mehr als einer halben Stunde einen potenziell geeigneten Chasingpoint südlich von Osterburg als Anfahrtsziel ausgewählt. Als wir dort ankommen, stehen wir etwas zu weit nördlich, und suchen nochmal einen südlicheren Punkt zur Beobachtung raus. Hier können wir allerdings erstmals Strukturen erkennen. 




Wir fahren nun aber ein Stück südlich und finden einen Standort bei Erxleben. Auch dieser gefällt uns nicht, und wir suchen noch einen dritten raus. Zunächst aber ein Foto von hier. 



Wir finden schließlich um 16:50 Uhr einen geeigneten Standort südlich von Groß Schwechten, und beobachten hier die optisch vielleicht beeindruckendste Gewitterzelle in 13 Jahren StormChasing. 










Uns ist die Gefahr, die von dieser Zelle ausgeht, bewusst - doch der Anblick hat uns ein wenig verzaubert, sodass wir mit der Flucht bis kurz vor Ankunft des massiven Böenkragens warten. Wir vermuten heftige Böen und auch die Gefahr eines Downbursts. Wir haben keine geeignete Straße, auf der wir nach Osten vor der Zelle weg fahren können, müssen also nach Norden oder Süden ausweichen. Dabei ist uns klar, dass wir der Zelle nicht komplett entkommen können. Wir entscheiden uns für ein Ausweichmanöver nach Norden. Noch wissen wir nicht, dass uns diese Entscheidung möglicherweise das Leben rettet. 


Wir fahren zügig ein paar Kilometer nach Norden und positionieren uns dort bei Häsewig. Optisch und auch nach Radar sind wir so knapp nördlich des Schwerpunkts der Zelle. Wir beobachten in Richtung Süden eine wahnsinnige Dynamik in den Wolken, zeitweise auch leichte Rotation - und schließlich verschwindet die Landschaft in einem massiven Regenvorhang. Auch an unserem Standort setzen bald Wind und Regen ein, zeitweise peitschen schwere Sturmböen gegen unser Auto. Als das Gröbste durch ist, setzen wir unsere Fahrt wieder fort und fahren in langsamem Tempo auf der B189 zurück nach Süden, also dahin, wo wir gerade standen. Noch im Schrittempo auf der Landstraße, schlägt ein Blitz unweit unserer Position ein. 



Schnell sehen wir die ersten, abgerissenen Äste. Wir fahren an unserem vorigen Standort bei Groß Schwechten vorbei weiter nach Süden in Richtung Borstel, wo in einigen Metern Entfernung auf einmal der Verkehr vor uns stockt. Wir erreichen hier östlich von Peulingen ein Waldstück und erblicken plötzlich schwere Vegetationsschäden rechts von uns im Wald. 





Da die Schäden auf den ersten Blick sehr abgegrenzt wirken, ziehen wir sofort einen Tornado als Ursache in Betracht. 




Ob an dieser Stelle ein Tornado- oder ein Downburstereignis für das Schadensbild verantwortlich ist, ist Stand 27. Juni noch ungeklärt. Die sehr abgegrenzten Schäden an dieser Stelle sind ein Indiz dafür. Es müssen jedoch noch weitere Untersuchungen vorgenommen werden, um die Schäden abschließend bewerten zu können. 


Wir müssen aufgrund der Waldschäden umkehren, da alle Straßen nach Süden hin blockiert sind. Wir setzen einen Notruf ab und werden darauf hingewiesen, dass offenbar eine Großschadenslage besteht. Es gibt also viele Schadensorte, die erst nach und nach bearbeitet werden können. 


Wir setzen unsere Fahrt wieder nach Norden fort und versuchen über eine andere Landstraße nochmal weiter östlich vom ersten Schadensort nach weiteren Schäden zu suchen. Wir durchfahren Groß Schwechten, Eichstedt (Altmark) und Baumgarten, wo wir viele, abgerissene Äste vorfinden. Am östlichen Ortsausgang von Jarchau finden wir dann nochmal ein größeres Schadensbild. Hier gibt es auf einem Feld einige Trümmerteile und Äste, die über eine geringe Distanz von 50-80 Metern verfrachtet wurden. 



Das Trümmerteil auf dem folgenden Foto ist kein Wellblechteil, sondern deutlich schwerer, wie Ziegel. Man braucht Kraft, um es aufzuheben. Wir können hinter dem Gebüsch kein Gebäude ausmachen, wo diese Trümmerteile hergekommen sind. 




Auf dem letzten Foto ist mittig links die Feuerwehr zu erkennen, auch hier ist eine Landstraße gesperrt worden. Am Ende des Feldes finden wir eine weitere Schneise in einem Waldstück, neben einem Fußballplatz. 




Zwei Fußballtore wurden offenbar einige dutzend Meter verfrachtet, mit nur sporadischen Spuren im Feld davor. Es liegt nahe, dass sie kurzzeitig vollständig angehoben wurden. 



Neben vielen Kiefern stehen hier auch Eichen, wovon mehrere entwurzelt worden, eine hat mehrere, große Äste verloren. 



Das Schadensbild ist hier durchaus bemerkenswert, da weiter hinter dem Kiefernwaldstück noch ein zweites Waldstück praktisch zerstört wurde. Auf einer größeren Fläche ist hier fast jeder Baum abgebrochen. 



Als wir vom Rand des Fußballplatzes aus eine Drohne zur Schadensdokumentation aus der Luft vornehmen wollen, kommt eine Inhaberin des Platzes vorbei, die der Situation entsprechend emotional reagiert, und uns nicht hier haben möchte. Das respektieren wir selbstverständlich und entfernen uns. Das Waldgebiet ist anderweitig leider nicht zugänglich und wir beenden an dieser Stelle zunächst die Dokumentation der Schäden. 


An dieser Stelle noch eine Karte mit den beiden Schadensorten sowie unserem Chasingpoint, von dem aus wir die beeindruckenden Aufnahmen der Gewitterzelle erstellt haben. Der erste Schadensort mit den eng begrenzten Schäden links an der B189, die Schäden bei Jarchau am Fußballplatz rechts auf der Karte. 



Wir hätten uns die Schäden gerne noch etwas näher angeschaut, müssen aber sowieso bald wieder Heim fahren. So treten wir gegen 19 Uhr die Heimreise an. Was für ein Tag! Wie wir später erfahren, gab es noch weitere Schäden, u.a. in Stendal direkt und auf einem Campingplatz bei Wischer, etwas südöstlich von Jarchau. Glücklicherweise sind keine Schwerverletzten zu beklagen. Das breit gefächerte Schadensbild spricht hier eindeutig für ein großräumiges Downburstereignis. 


Dieselbe Zelle verursacht auf ihrer Zugbahn durch das nördliche Brandenburg weitere Schäden, meist in Form von umgestürzten Bäumen. Dabei produziert sie gegen 18:30 Uhr einen Tornado der Stärke F2, dieser verwüstet ein Waldstück in der Gemeinde Wandlitz im Landkreis Barnim.


Eine Zusammenfassung unserer Tour: